Wien (OTS) – Hirngesundheit beginnt bereits im Mutterleib. Mithilfe
von fetalen
MRTs können pränatale Auffälligkeiten untersucht und gute Prognosen
über die Auswirkungen von erweiterten Hirnventrikel oder Gehirnbalken
-Agenesie auf das Kind erstellt werden. Je besser die Diagnostik vor
der Geburt ist, desto schneller kann – wie bei Epilepsie – durch
engmaschiges Screening und frühe Erkennung von Veränderungen, schnell
mit der Therapie begonnen werden, idealerweise ohne dass es zu großen
Schäden im Gehirn kommt. Fetale MRTs haben damit eine große
Auswirkung auf die Hirngesundheit einer ganzen Generation. Darüber
und über weitere Fortschritte in der Pränataldiagnostik geht es beim
World Congress in Fetal Medicine, der vom 28. Juni bis 2. Juli im
Austria Center Vienna stattfindet.
„Derzeit kommt die Prävention für und das Bewusstsein von
Hirngesundheit leider noch etwas zu kurz. Hirngesundheit beginnt
bereits vor der Geburt durch entsprechende pränatale
Voruntersuchungen wie Ultraschall und MRT, die einen Plan entwickeln,
wie das Kind so gesund wie möglich durch die Schwangerschaft kommt,
um einen bestmöglichen Start ins Leben zu bereiten. Mithilfe von
fetalen MRTs soll zukünftig nicht nur die Gehirnstruktur, sondern
auch die Hirnfunktion sichtbar gemacht werden. Das ist technisch noch
eine große Herausforderung, würde aber zukünftig ein großes Potenzial
bieten, auch um noch besser abschätzen zu können, wie fetale
Hirnfehlbildungen sich tatsächlich auf die Hirngesundheit der Kinder
auswirkt“, so Univ.-Prof. Dr. Gregor Kasprian, Leiter der Klinischen
Abteilung für Neuroradiologie und Muskuloskelettale Radiologie an der
Medizinischen Universität Wien und Vorstandsmitglied der
Österreichischen Gesellschaft für Prä- und Perinatale Medizin.
Zwtl.: 600 Untersuchungen im AKH pro Jahr: Fetale MRT können Leben
retten
„Fetale MRTs kommen ab der 18. Schwangerschaftswoche dann zum
Einsatz, wenn im pränatalen Ultraschall oder im Organ-Screening
strukturelle Auffälligkeiten beim Baby festgestellt wurden oder
genetische Untersuchungen einen hochgradigen Verdacht für eine
Auffälligkeit nahelegen“, erklärt Kasprian. Konnte früher bei den
Ultraschalluntersuchungen nur Kopfumfang, Kopfdurchmesser und
Seitenventrikel vermessen werden, kann nun mithilfe des fetalen
Neuroultraschalls und MRT auch das Hirngewebe selbst angesehen und
damit ein viel breiteres Spektrum an Fehlbildungen der
Gehirnentwicklung erfasst werden. „Allein im AKH Wien finden pro Jahr
600 fetale MRTs statt. Das sind an die 15 fetale MRTs pro Woche und
um ein Drittel mehr als noch vor ein paar Jahren. Bei der Hälfte der
Untersuchungen wird die Hirnentwicklung beurteilt und bei der anderen
Hälfte geht es um Fehlbildungen in anderen Körperregionen wie die
Beurteilung der Lungenentwicklung bei Babies mit angeborener
Zwerchfellhernie oder von Fehlbildungen des Magen-Darm-Trakts“,
erklärt Kasprian.
Zwtl.: Durch Wissensvorsprung Hirngesundheit besser erhalten
Ein interdisziplinäres Team von Pränatalmedizinern, Genetikern,
Kinder(neuro-)radiologen und Kinderneurologen können gemeinsam anhand
der fetalen Bildgebung besser einschätzen, welche Auswirkungen diese
Fehlbildungen auf die Gehirngesundheit des Kindes nach seiner Geburt
haben werden. „Das Spektrum dieser möglichen Folgen ist groß und
umfasst Anfallserkrankungen wie Epilepsie oder leichte
Intelligenzminderung bis hin zu deutlichen geistigen und körperlichen
Einschränkungen. Bei dieser Einschätzung gilt es auch zu
berücksichtigen, dass unser Hirn unglaublich plastisch ist und in der
Entwicklung noch viel korrigieren kann, was schiefgelaufen ist“,
erklärt er.
Zwtl.: Erweiterte Hirnventrikel: bei 90 % der Kinder normale
Entwicklung möglich
Die häufigste Fehlbildung sind Hirnventrikel-Erweiterungen. Das
sind Hohlräume im Gehirn, die eine wichtige Rolle bei der Produktion
und Zirkulation von Hirnwasser spielen. Sind sie weiter als 10
Millimeter, kann ebenfalls mithilfe von einem fetalen MRT abgeklärt
werden, wie stark diese Veränderung ist und ob sie Anzeichen für
strukturelle Hirnerkrankung ist oder nicht. „In 90 % der Fälle sind
die erweiterten Hirnventrikel einfach eine Normvariante und führen zu
keiner gesundheitlichen Einschränkung des Kindes, in den anderen 10 %
müssen sich die Eltern darauf vorbereiten, dass mit hoher
Wahrscheinlichkeit Gehirnschäden mit Beeinträchtigungen
unterschiedlicher Denk- und Körperfunktionen zu erwarten sind“, so
Kasprian.
Zwtl.: Gehirnbalken-Agenesie: Große Bandbreite in der Prognose
Ein ebenfalls sehr häufiger Grund für ein fetales MRT ist der
Verdacht einer Gehirnbalken-Agenesie. Das ist eine Fehlbildung, die
in der 12. bis 14. Schwangerschaftswoche entsteht. Dabei fehlt die
Verbindung zwischen der rechten und linken Hirnhälfte oder ist stark
unterentwickelt. „Die Spannbreite der möglichen Beeinträchtigung für
die Kinder ist hier ebenfalls groß und reicht von vollkommen normalem
Leben bis hin zu schwerwiegenden körperlichen und geistigen
Einschränkungen. Mithilfe des fetalen MRTs schauen wir nach, ob diese
Fehlbildung einzeln vorliegt oder in Kombination mit anderen
Fehlbildungen Merkmal eines größeren Syndroms ist. Damit können wir
eine gute Prognose machen, was gesundheitlich auf das Kind nach der
Geburt zukommen wird“, so Kasprian. „Ein Forschungsansatz ist auch,
mithilfe der MRT-Technik namens „Traktographie“ die weiße Substanz im
Gehirn dreidimensional zu visualisieren und zu analysieren, wo die
Verbindungen zwischen den Nervenbahnen statt über dem Balken
stattfinden. Hier arbeiten wir noch daran, diese Analyse für eine
bessere Prognose heranziehen zu können“, erklärt der Neuroradiologe.
Zwtl.: Epilepsie: Wissen führt zu früher Vorsorge
“Wenn ich schon vor der Geburt eine gute Diagnostik habe, kann
schnell nach der Geburt mit der Therapie begonnen werden. Die
Pränataldiagnostik hat damit Auswirkungen auf die Hirngesundheit
einer gesamten Generation“, betont Kasprian. Besonders deutlich wird
dies beim Thema Epilepsie. „Stellen wir aufgrund einer Fehlbildung im
Gehirn ein hohes Epilepsierisiko für nach der Geburt fest, bekommt
das Neugeborene regelmäßig nach der Geburt neurologische Kontrollen
inklusive EEG-Kontrollen, die frühe Veränderungen in Richtung
Epilepsie erkennen können. Wir glauben, dass durch eine frühzeitige
niederschwellige Therapie mögliche langfristige Schäden im Gehirn
zumindest teilweise vermieden werden können“, so Kasprian.
Zwtl.: Weiterentwicklung fetales MRT: KI und Radiomics
In der pränatalen Bildgebung helfen bereits KI-Systeme, dem
Untersucher beim Check-Up, ob alles, was laut Leitlinien untersucht
werden sollte, bereits angesehen und festgehalten ist. Hinzu kommt
Radiomics. Hier analysiert die KI die bestehenden Bildaufnahmen und
sucht diese nach Mustern und Texturen ab, die für das menschliche
Auge nicht wahrnehmbar sind, aber Unterschiede zwischen krankem und
gesundem Gewebe aufzeigen können. Zudem ist es bereits gelungen aus
den dreidimensionalen MRT-Daten ein dreidimensionales Modell vom
menschlichen Hirn vor der Geburt zu erstellen. „Mit Hilfe dieser KI
unterstützten Modelle wollen wir den altersentsprechenden Sollzustand
und die bestehenden Abweichungen noch besser erkennen können“, betont
der Radiologe.
Zwtl.: Über die IAKW-AG und FMF
Die IAKW-AG (Internationales Amtssitz- und Konferenzzentrum Wien,
Aktiengesellschaft) ist verantwortlich für die Erhaltung des Vienna
International Centre (VIC) und den Betrieb des Austria Center Vienna.
Das Austria Center Vienna ist mit 21 Sälen, 134 Meetingräumen sowie
rund 26.000 m 2 Ausstellungsfläche Österreichs größtes
Kongresszentrum und gehört zu den Top-Playern im internationalen
Kongresswesen. Die Fetal Medicine Foundation (FMF) ist ein
gemeinnütziger Verein, der sich für die Förderung der Pränatalmedizin
einsetzt. Sie organisiert den World Congress in Fetal Medicine, der
vom 28. Juni bis 2. Juli im Austria Center Vienna stattfindet und
aktuelle Entwicklungen, Forschungsergebnisse und neue diagnostische
und therapeutische Ansätze aus der Pränatal- und Fetalmedizin
präsentiert und diskutiert.
https://www.acv.at/de/
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