“Mutig Demokratie widerständig machen”: Erste Rück-, Ein- und Ausblicke bei den “Geschichte(n) Wiens”

Wien (OTS) – “Geschichte(n) Wiens” hieß der Projekt-Call, den die
Stadt Wien im
Vorjahr startete, um den Herausforderungen für eine lebendige
Erinnerungskultur in der Gegenwart zu begegnen. Ziel der Initiative –
ein Resultat der Kulturstrategie 2030 – war es, auf diesem Weg
zeitgemäße Formate der Erinnerungskultur anzustoßen und zu
unterstützen. Anfang des Jahres konnten sich neun
wissenschaftsbasierte Projekte, Dialog- und Vermittlungsformate zu
einer lebendigen Erinnerungskultur dieser Stadt über Förderzusagen (
Gesamthöhe 800.000 Euro) der Stadt Wien freuen und in die
Realisierungsphase starten.

Mehr als ein halbes Jahr später ist Gelegenheit für erste Rück-,
Ein- und Ausblicke. Denn bereits vor dem Sommer fanden Aufführungen
des Stationentheaters “widerSTADT” vom Theater der Unterdrückten Wien
(Kollektiv Phehnix) für Schüler*innen statt. Stimmiger Schauplatz für
das partizipativ gestaltete Stück über die Zeit des Austrofaschismus
waren zwei Gemeindebauten aus der Zeit des Roten Wien: der
Matteottihof und der Herweghhof in Margareten. Der Matteottihof wurde
als Zeichen der internationalen Solidarität nach Giacomo Matteotti,
den 1924 von Faschisten ermordeten Generalsekretär der
Sozialistischen Partei Italiens benannt und erhielt – 1934 umbenannt
– erst nach Kriegsende seinen ursprünglichen Namen wieder. Der
politisch-revolutionäre Dichter Georg Herwegh, Mitglied der ersten
Internationalen, gab dem benachbarten Herweghhof seinen Namen.

Das Theaterkollektiv Phehnix arbeitete bei der Stückentwicklung
mit historischen Quellen zum Austrofaschismus und Biografien der
Widerstandsbewegung. Ihre szenischen Stadtteilerkundungen verweben
sich mit aktuellen Fragen zu einem demokratischen Miteinander und
wurden speziell für Schüler*innen um Diskussionen und Workshops zu
Aspekten wie Zivilcourage ergänzt. Im Oktober wird “widerSTADT” im
Karl-Seitz-Hof in Floridsdorf neu aufgenommen, in jenem Hof, der
während der Februarunruhen 1934 als Widerstandszentrum des
Republikanischen Schutzbunds eine besondere Rolle spielte.

Kaup-Hasler: Projekte, die Mut machen, solidarisch für unsere
Demokratie einzustehen

Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler nach dem
Besuch: “Die Gemeindebauten des Roten Wien bilden eine bestechende
historische Kulisse für diese wichtige Auseinandersetzung mit den
dunklen Kapiteln unserer Geschichte. Mit großem Engagement wird hier
die beklemmende Situation der Menschen im Widerstand gegen den
Austrofaschismus nachgestellt, werden aber auch– etwa im gemeinsamen
Singen von “Die Arbeiter*innen von Wien” – die Ideale des politischen
Widerstands veranschaulicht.” Und Kaup-Hasler weiter: “Überall auf
der Welt gerät die Demokratie unter Druck. Das mahnt uns, die
Erinnerung an die Zeit des Faschismus lebendig zu halten, wie es
viele der im Rahmen des Calls “Geschichte(n) Wiens” geförderten
Projekte tun. Denn so erwächst der Mut, solidarisch für die
Kostbarkeit unserer Rechte und Freiheiten und ein friedliches
Miteinander einzutreten.”

“WiderSTADT”, ein immersives Stationentheater über den Widerstand
gegen den Austrofaschismus im Wien der 1930er Jahre, Kollektiv
Phehnix (Theater der Unterdrückten Wien), Neuaufnahme im Karl-Seitz-
Hof, Spieltermine: 4., 5., 11. und 12. Oktober, jeweils 17 Uhr, am 5.
10. Zusätzlich um 14 Uhr; Podiumsdiskussion “mutig Demokratie
widerständig machen” im “Wien Zimmer Gartenstadt”, 11. 10., 19 Uhr,
widerSTADT 2025 – tdu-wien.at

Status Quo und Ausblick auf andere Projekte von “Geschichte(n)
Wiens”

Ebenfalls dem Widerstand in der NS-Zeit gewidmet ist das Projekt
„Resonanz & Widerstand: Dem Klang der Wiener Gegenkultur auf der
Spur“ von a_maze – Verein zur Förderung audio-visueller Kunst. Es
macht die Geschichte der sogenannten „Schlurfs“ zum Thema und
entwickelt dazu transmediale Erinnerungsradtouren. Der Verein hat
seine konzeptionellen Vorbereitungen zum künstlerisch und
wissenschaftlichen Zugang und zur technischen Umsetzung vor dem
Sommer abgeschlossen. In der derzeitigen intensiven historischen
Recherchephase zu den Schlurfs wird das um den Historiker Marius
Burnautzki erweiterte Team auch vom Dokumentationsarchiv des
österreichischen Widerstandes (DÖW) unterstützt. –
radperformance.at/about/

Zwei Überlebende der nationalsozialisischen Verfolgung stehen im
Fokus des Projekts „Ruth Klüger und Ceija Stojka – Auf dem
Galgenplatz blüht jetzt der Flieder. Dichten als Kapsel der
Erinnerung“. Beide Künstler*innen haben ihre traumatischen
Erfahrungen von Gewalt und Terror in ihrer Lyrik verarbeitet. Die
Recherchen von Jolifanta bambla – Verein zur Förderung von Kunst,
Kultur und Wissenschaft zu den künstlerischen Gemeinsamkeiten münden
nun in die Ausstellung “Ruth Klüger – Ceija Stojka. Dichten ins
Leben“, die am 9. Oktober in der Galerie Mana (Stuckgasse 4, 1070
Wien) eröffnet. Vernissage (9. Oktober, 18 Uhr) mit Lesung von Tamara
Stern & Nuna Stojka und Musik von Hojda Stojka. Teil des
Rahmenprogramms ist u.a. die Aufführung des Films “Ceija Stojka &
Unter den Brettern hellgrünes Gras“ von Karin Berger mit
anschließendem Publikumsgespräch, am 23. Oktober, 18 Uhr im Filmhaus
am Spittelberg. – galeriemana.at/Galerie

Die Aufarbeitung bisher unerschlossener Patient*innenakten der
Psychiatrischen Klinik des Wiener AKH aus dem Jahr 1945 bildet das
Fundament von „Wien. Krankensaal 1945” . Die Projektgruppe der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nahm den Umstand,
dass damals in der Psychiatrie u.a. sowohl verfolgte Jüd*innen,
Widerstandskämpfer*innen, aber auch Wehrmachtssoldaten behandelt
wurden, zum Ausgangspunkt ihrer Forschung und will die kollektive
Zerrissenheit zwischen Opfer- und Täterrolle veranschaulichen.

Das Team hatte inzwischen mehrfach die Gelegenheit, das Projekt
vorzustellen: Am 10. April erschien der Blogbeitrag “Verwundete
Seelen: Die psychischen Folgen des Zweiten Weltkriegs“ im Standard (
derstandard.at/story/3000000264956), im Mai fand eine Präsentation im
Rahmen der 51. Tagung der Österr. Gesellschaft für Urologie und der
Bayrischen Urologenvereinigung statt. Vertiefend diskutiert wird es
bei der Tagung „Trauma, Institutional Knowledge, and Social Order“,
die von 3. bis 5. Dezember an der Universität Graz stattfindet. Für
die in Folge zu entwickelnden Bühnenformate über die individuellen
Erfahrungen von Krieg und Verfolgung konnten die in Wien lebenden
Autorinnen Julia Jost und Eva Schörkhuber gewonnen werden. Die
szenische Lesung der Texte wird voraussichtlich im April 2026
stattfinden. – oeaw.ac.at/ikw/forschung/wissensproduktion-knowledge-
production/projekte/wien-krankensaal-1945

Ein anderer wichtiger Gemeindebau des Roten Wien steht im Zentrum
des Projekts „ARCHIV DES ZUHÖRENS: Ein audiographisches Denkmal für
Wien Ottakring“ : Der 1924-1928 errichtete Sandleitenhof ist mit
seinen 1.587 Wohnungen die größte kommunale Wohnanlage Wiens. Der
Verein Citizen Carol, Verein für kritische Zusammenhänge in den
darstellenden Künsten, macht den Gemeindebau zum lebendigen
Wissensspeicher, der einerseits dessen Historie vermittelt (etwa als
Schauplatz bei den Februarkämpfen 1934 oder Wohnort vertriebener und
später ermordeter Jüdinnen und Juden), andererseits die
Lebensgeschichten seine gegenwärtigen Bewohner einholt. Regen Anklang
fanden die Zuhör-Sessions im August und September, berichtet das
Projektteam. Die Aufzeichnungen der lebensgeschichtlichen Erzählung –
mit dem Fokus auf mehrsprachige Personen – dauern an. Erfahrungen und
Ergebnisse münden in ein Buch, das zum Projektende im Herbst 2026
präsentiert werden soll. – sohostudios.at/events/archiv-des-zuhorens/

Mehr zur Genese des Projekts:

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20250226_OTS0055

https://presse.wien.gv.at/presse/2025/02/26/neun-starke-projekte-
gegen-das-vergessen-stadt-wien-foerdert-zeitgemaesse-
erinnerungsformate-mit-800-000-euro

Bildmaterial:

Zum Download unter presse.wien.gv.at/bilder
Credit: Stadt Wien /Markus Wache