Wien (OTS) – Europa zieht Konsequenzen aus den Lehren der vergangenen
Jahre: Die
politische Einigung auf europäische Regeln zur stärkeren Absicherung
kritischer Arzneimittel ist aus Sicht des Fachverbands der chemischen
Industrie Österreichs (FCIO) ein wichtiger Schritt, um die
Arzneimittelversorgung in Europa krisenfester zu machen und die
gefährliche Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu verringern.
„Europa hat zu lange zugesehen, wie immer mehr Arzneimittelproduktion
abgewandert ist. Jetzt wird endlich erkannt: Versorgungssicherheit
beginnt nicht im Lager, sondern in der Produktion“, betont FCIO-
Geschäftsführerin Sylvia Hofinger.
Denn längst geht es nicht mehr nur um einzelne Engpässe in
Apotheken. Die Corona-Pandemie, geopolitische Spannungen und
unterbrochene Lieferketten haben gezeigt, wie verwundbar Europa bei
kritischen Medikamenten geworden ist. Viele Arzneimittelwirkstoffe
nach Patentablauf werden heute fast ausschließlich in Asien
produziert. Fällt dort ein Standort aus, geraten ganze
Versorgungsketten ins Wanken. Bisher haben sich die Mitgliedstaaten
zunehmend mit nationalen Bevorratungspflichten überboten – oft
verbunden mit hohen Strafandrohungen für Unternehmen.
Mit der Einigung sollen kritische Medikamente künftig gezielt in
Europa produziert, Lieferketten breiter aufgestellt und strategische
Projekte schneller unterstützt werden können. Öffentliche Einkäufer
sollen dabei europäische Produktion bevorzugen. Für den FCIO ist das
ein längst notwendiger Kurswechsel. Kritisch sieht der FCIO
allerdings, dass mit gemeinsamen Beschaffungsverfahren und
zusätzlichen Lieferpflichten erneut Instrumente gestärkt werden
könnten, die den Preis- und Wettbewerbsdruck auf Hersteller weiter
erhöhen. „Jahrelang wurde fast ausschließlich zum günstigsten Preis
eingekauft. Das hat Europa abhängig gemacht. Wer
Versorgungssicherheit will, muss Produktion in Europa auch
wirtschaftlich möglich machen“, so Hofinger.
Der FCIO begrüßt in diesem Zusammenhang auch, dass die
Bundesregierung Life Sciences in der Industriestrategie als
Schlüsseltechnologie definiert und erste Ansätze für eine nationale
Life-Sciences-Strategie verankert hat. Jetzt brauche es rasch
konkrete Maßnahmen, damit Forschung, Innovation und
Arzneimittelproduktion tatsächlich in Europa und Österreich gestärkt
werden. Gleichzeitig müssen die Maßnahmen auch dazu beitragen, dass
innovative Arzneimittel schneller und verlässlicher bei den
Patientinnen und Patienten ankommen.
Denn klar sei auch: Produktion folgt nicht politischen
Absichtserklärungen allein, sondern den wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen. Wettbewerbsfähige Energiepreise, planbare
Erstattungssysteme, schnellere Genehmigungsverfahren und
investitionsfreundliche Rahmenbedingungen seien entscheidend, damit
Europa bei kritischen Medikamenten wieder stärker auf eigenen Beinen
stehen könne. Denn Industrie braucht ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Unternehmen müssen nicht nur Versorgungssicherheit gewährleisten,
sondern gleichzeitig steigende Anforderungen etwa bei
Klimatransformation, Nachhaltigkeitsberichterstattung oder
Umweltauflagen wirtschaftlich stemmen können.
„Die EU hat zwar jetzt die richtige Richtung eingeschlagen. Jetzt
müssen auch konsequent Maßnahmen umgesetzt werden. Wer bei
Medikamenten dauerhaft unabhängig sein will, muss aufhören zu
glauben, dass Europa nur konsumieren kann, während anderswo
produziert wird. Versorgungssicherheit braucht industrielle Stärke im
eigenen Haus“, betont Hofinger abschließend.
Zwtl.: Über den FCIO
Der Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO) in
der WKÖ ist die gesetzliche Interessenvertretung der chemischen
Industrie in Österreich. Die etwa 230 Mitgliedsunternehmen
produzieren in unterschiedlichen Sektoren z.B. Pharmazeutika,
Kunststoffe und Kunststoffwaren, Fasern, Lacke, Düngemittel oder auch
organische und anorganische Chemikalien. Die mehr als 50.000
Beschäftigten der Branche stellten 2024 Waren im Wert von 19,3
Milliarden Euro her. www.fcio.at