Wien (OTS) – Welche Rahmenbedingungen braucht es, um klinische
Forschung in
Österreich zu stärken und als essenziellen Bestandteil einer
zukunftsorientierten Gesundheits- und Forschungspolitik zu verankern?
Diese Frage stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion der Reihe
„zukunft gesundheit – Heute Ideen für Morgen“ am 6. November 2025 in
Wien. Vertreter:innen aus Forschung, Gesundheitswesen, Wissenschaft
und Politik diskutierten über strukturelle, organisatorische und
politische Hürden – und sprachen ein gemeinsames Plädoyer für die
Stärkung des Studien- und Forschungsstandortes Österreich aus.
Klinische Forschung ist die Grundlage jeder medizinischen
Innovation – ohne sie gäbe es keine neuen Medikamente oder
Behandlungsmethoden und kein evidenzbasiertes Wissen, das
medizinische Entscheidungen absichert und Österreichs
Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Eine aktuelle Marktforschung (n=1.000,
Spectra, September 2025) zeigt, dass auch die Österreicher:innen den
hohen Stellenwert klinischer Forschung erkennen: 84 % der Befragten
stimmen der Aussage zu, dass Studien einen wichtigen Beitrag zum
medizinischen Fortschritt leisten, 58 % sehen die Pharmaunternehmen
als zentrale Treiber dieser Entwicklung.
Zwtl.: Forschungsstandort Österreich – zwischen Anspruch und Realität
Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsfeld: Das Bewusstsein für
klinische Forschung ist vorhanden, ihr Nutzen weitgehend unbestritten
– doch in Gesellschaft und Gesundheitssystem ist ihre Relevanz noch
nicht vollständig verankert. Viele Menschen fühlen sich zu wenig
informiert und stehen Studien skeptisch gegenüber. Etwa ein Drittel
der Befragten glaubt laut Umfrage, Teilnehmende an klinischen Studien
seien „Versuchskaninchen“, rund ein Fünftel zweifelt an der
Sicherheit solcher Studien.
Die Realität ist jedoch eine andere: DI Dr. Martin Renhardt vom
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und
Konsumentenschutz betonte die hohe Qualität klinischer Studien in
Österreich und die damit verbundene Patient:innensicherheit. Diese
seien entscheidende Kriterien für die Zulassung neuer Medikamente –
geprüft und überwacht durch europäische und österreichische Behörden.
Ein Blick auf die Entwicklung klinischer Studien im Europäischen
Wirtschaftsraum zwischen 2013 und 2023 zeigt, dass die Zahl der
Studien in Europa – Österreich eingeschlossen – deutlich rückläufig
ist. Gründe dafür sind gestiegene regulatorische Anforderungen, hoher
administrativer Aufwand und ein zunehmender Wettbewerbsdruck aus
Asien und den USA.
„In Österreich würde ein zentral organisierter ‚One-Stop-Shop‘
für klinische Studien – von der Vertragserstellung über die
Ethikkommission bis zur Patientenrekrutierung – einen wahren
Unterschied machen. Länder wie Dänemark zeigen, dass ein solches
System Forscher:innen und Industrie entlastet, und Patient:innen
einen schnelleren Zugang zu innovativen Therapien ermöglicht“ ,
argumentierte Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstand der
Inneren Medizin & Pneumologie an der Klinik Floridsdorf und Leiter
des Karl-Landsteiner-Instituts für Lungenforschung und pneumologische
Onkologie, dazu.
Zwtl.: Klinische Studien und ihre positiven Auswirkungen in
Österreich
Klinische Forschung leistet auf vielfältige Weise einen
entscheidenden Beitrag zur Innovationskraft des Landes.
Standortpolitik bedeutet in diesem Bereich vor allem, langfristige
Strukturen zu sichern – von der Finanzierung über rechtliche
Rahmenbedingungen bis hin zur Zusammenarbeit zwischen
Forschungseinrichtungen und Gesundheitsversorgung.
„Es benötigt es dringend gesetzliche und strukturelle
Rahmenbedingungen, die Forschung unterstützen und nicht bremsen.
Weniger Zeit in Bürokratie, mehr Zeit und Geld in effektive Forschung
investieren. Wenn wir Österreich als Forschungsnation ernst nehmen
wollen, müssen wir klinische Forschung als strategische Investition
sehen – für die Wissenschaft, für den Standort, für das
Gesundheitssystem und für jede:n von uns, Gesunde ebenso wie
Patient:innen“ , betonte Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Markus
Zeitlinger, Leiter der Klinischen Pharmakologie an der Medizinischen
Universität Wien, in seiner Keynote.
Dr. Michaela Fritz, Vizerektorin der MedUni Wien für Forschung
und Innovation, zur Bedeutung des Standortes: „Wir haben in
Österreich die Expertise und die Forschungsinfrastruktur, um die
Translation von Grundlagenforschung zu medizinischer Innovation zu
schaffen und diese dann rasch an Patient:innen zu bringen. Mit einer
innovativen Therapie ‚Made in Austria‘ werden wir nicht nur zur
Spitzenmedizin beitragen, sondern in der Bevölkerung hoffentlich auch
mehr Begeisterung und Stolz für die Leistung vieler Forscher:innen
und Mediziner:innen wecken.“
Zwtl.: Patient:innen einbinden, Vertrauen schaffen
Für eine bessere inter- und multidisziplinäre Zusammenarbeit und
mehr Aufklärung sprach sich Hannah Gsell, MSc, Obfrau von Survivors
Austria und Mitglied der Allianz onkologischer
Patient:innenorganisationen, aus: „Klinische Studien finden am
Menschen statt, aber zu selten mit Menschen. Ärzt:innen fehlt es an
Vernetzung, Patient:innen an Mitspracherecht und Gesunden an
Aufklärung. Nur durch Zusammenarbeit und Partizipation kann Forschung
nahe am und für die Menschen sein. Hier gibt es wegweisende
Vorzeigeprojekte auf europäischer Ebene.“
Zwtl.: Gemeinsam zur Forschungszukunft Österreichs
Dr. Hemma Bauer, Leiterin der Abteilung Life Sciences im
Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung, resümierte:
„Als zukunftsorientierte und offene Gesellschaft ist es wichtig, dass
medizinische Innovationen nicht rein als Kostenfaktor im
Gesundheitswesen gesehen werden, sondern im Sinne einer gesamthaften
Betrachtung deren positive Wirkungen in gleicher Weise berücksichtigt
werden. Medizinische Innovationen führen zu besseren Therapieerfolgen
und damit zu einer höheren Lebensqualität für Patient:innen, zu einer
Qualitätsverbesserung in der Gesundheitsversorgung, einer positiven
Dynamik des Life Sciences Forschungsstandortes Österreich sowie zu
positiven volkswirtschaftlichen Effekten.“
Die Diskussion zeigte deutlich, dass Österreich über
hochqualitatives wissenschaftliches Potenzial verfügt, das durch
politisches Commitment, effizientere Prozesse und finanzielle
Unterstützungsleistungen besser genutzt werden kann. So kann
Österreich als Forschungsstandort wieder international an
Attraktivität gewinnen.
Die Podiumsdiskussion wurde von der Karl Landsteiner Gesellschaft
in Kooperation mit MSD Österreich veranstaltet.
Zwtl.: „zukunft gesundheit“ – eine Plattform für den
interdisziplinären Austausch
Die Diskussionsreihe „zukunft gesundheit“ bietet seit Jahren eine
Plattform für den offenen Austausch zwischen
Entscheidungsträger:innen, Expert:innen und Betroffenen. Ziel ist es,
gemeinsam Lösungsansätze zu erarbeiten, um das österreichische
Gesundheitssystem nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Veranstaltung,
eine gemeinsame Initiative der Karl Landsteiner Gesellschaft und MSD
Österreich, steht unter dem Leitgedanken, dass ein modernes
Gesundheitssystem nicht nur durch Innovation und Technologie
vorangetrieben wird, sondern vor allem durch effiziente Strukturen,
die Patient:innen in den Mittelpunkt stellen.
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