Wien (OTS) – Download Präsentationsfolien mit Umfragedetails:
https://bit.ly/hilfswerk-pflegestudie
„ Neben der Teuerung sind Gesundheit und Pflege die wichtigsten
Themen, die der österreichischen Bevölkerung aktuell unter den Nägeln
brennen “, sagt Werner Beutelmeyer , Vorstand und Geschäftsführer des
Market Instituts , anlässlich einer Pressekonferenz des Hilfswerks am
Dienstag, den 30. September, in Wien. Das Institut hat im Auftrag des
Hilfswerks über 1.000 Personen nach ihren Einschätzungen zur Pflege
in Österreich befragt. Beutelmeyer zu den Ergebnissen der empirischen
Studie: „Es herrscht dringender Handlungsbedarf in der Pflege. Das
kann man völlig eindeutig sagen.“ Othmar Karas , Präsident des
Hilfswerk Österreich meint dazu: „ Wir leben in Zeiten knapper
Budgets und ambitionierter Sparziele. Das sind keine guten
Voraussetzungen für wachsende Aufgaben wie wir sie in der Pflege vor
uns haben. Umso wichtiger ist es, jetzt das Richtige zu tun. Wir
dürfen unsere Rechnung aber nicht ohne die Menschen machen .“ Deshalb
sei es dem Hilfswerk wichtig, sich nicht nur auf das Wissen aus dem
eigenen Praxisalltag als Pflegeorganisation und wissenschaftliche
Analysen zu verlassen, sondern mit einer repräsentativen Umfrage die
konkreten Erfahrungen und Vorstellungen der österreichischen
Bevölkerung zum Thema in Erfahrung zu bringen.
Nicht einmal die Hälfte der Betroffenen lebt nach den eigenen
Vorstellungen
Für 97% der Österreicherinnen und Österreicher ist die
Selbstbestimmung über die Form der Pflege und Betreuung laut Umfrage
sehr wichtig oder wichtig, um in Würde altern zu können. Aber mehr
als die Hälfte (58%) der befragten Pflegegeldbezieher und –
bezieherinnen hat die Entscheidung für die aktuelle Form der
Unterstützung NICHT im Wesentlichen nach den eigenen Vorstellungen
getroffen. Äußere und familiäre Umstände sowie die Leistbarkeit sind
dabei entscheidende Faktoren. Befragt man die Gesamtbevölkerung nach
ihren Wunschvorstellungen bewerten 69% die Kombination aus Pflege
durch Angehörige und mobile Dienste mit den Schulnoten 1 und 2, je 48
% bewerten die ausschließliche Betreuung durch Angehörige oder mobile
Dienste oder eine 24-Stunden-Betreuung mit 1 oder 2, 46% Betreutes
Wohnen, nur 18% bewerten das Pflegeheim mit sehr gut oder gut. 87%
wünschen sich mehr bedarfsgerechte mobile Dienste, 85% wünschen sich,
dass mobile Dienste günstiger angeboten werden.
Für Pflegeheime, mobile Dienste und Tariftabellen (Selbstbehalte)
sind die Bundesländer zuständig. „Pflegorganisationen wie wir können
uns nur im vorgegebenen Rahmen bewegen“, sagt Elisabeth Anselm,
Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich . „ Wir würden uns oft
mehr Spielraum wünschen, um individuellere und damit hilfreichere
Unterstützungsarrangements schnüren zu können “, meint Anselm.
Wichtig sind den Befragten auch bessere Angebote für Angehörige (80%)
und eine Erhöhung der Förderung für die 24-Stunden-Betreuung (78%).
Letztere sei laut Hilfswerk auch längst überfällig, da sie seit ihrer
Einführung erst einmal erhöht worden ist.
Unmissverständlicher Aufforderung an Politik für Stärkung der
Pflege zu Hause
Mit 81% äußert die Bevölkerung den klaren Wunsch, im Falle der
Pflegebedürftigkeit zu Hause betreut zu werden, lediglich 19% wollen
in ein Pflegeheim. 95% der Österreicherinnen und Österreicher finden,
dass der Staat mehr für pflegebedürftige Menschen tun soll, die zu
Hause leben und dort von Angehörigen und mobilen Diensten unterstützt
werden. 87% fordern bei gleicher Pflegebedürftigkeit eine finanzielle
Gleichbehandlung von pflegebedürftigen Menschen zu Hause mit jenen in
Pflegeheimen. „Der völlig unmissverständliche Auftrag der Bevölkerung
nach einer Stärkung der Pflege und Betreuung zu Hause findet sich
grundsätzlich auch im Regierungsprogramm und in den Vorhaben der
Länder wieder“, erläutert Hilfswerk-Präsident Karas. „Aber in der
Realität steuern wir in die andere Richtung. Seit der Abschaffung des
Pflegeregresses in den Heimen stellen wir einen statistisch
nachweisbaren Zulauf zu stationären Einrichtungen fest. Man hat es
verabsäumt, die Pflege zu Hause im selben Maß zu attraktivieren, etwa
durch bedarfsgerechtere Unterstützungsangebote, eine bessere
Leistbarkeit und weniger Bürokratie “, bedauert Karas. Es brauche
zwar Pflegeheime, diese seien aber naturgemäß ressourcenintensiv. So
hätten die gesamten Investitionen in mobile Dienste in einem Jahr
zwei Mal Platz allein im Zuwachs an Investitionen in die stationäre
Pflege seit dem Ende des Pflegeregresses.
Finanzielle Sorgen und mangelnde Akzeptanz für
Pflegegeldeinstufung
Betrachtet man die finanzielle Gesamtsituation von
Pflegegeldbezieherinnen und -beziehern, so sagen 34% der Betroffenen,
dass sie sehr gut zurechtkämen, aber nur 25% der Angehörigen sehen
das so. Jene, die angeben, sie kämen gar nicht oder nur einigermaßen
zurecht, müsse man laut Market-Chef Beutelmeyer addieren: „ Wir
wissen, dass die Menschen eher schamhaft sind bei solchen Angaben.
Das Ergebnis von 66% bei den Betroffenen und 75% bei den Angehörigen,
die gar nicht oder nur einigermaßen zurechtkommen, zeigt, dass wir
hier ein Problem haben .“ Betreffend die Zukunft machen sich satte 92
% der Gesamtbevölkerung Sorgen, ob sie oder ihre Familien sich die
gewünschte Betreuung und Pflege in Zukunft leisten können, 55% sogar
sehr große oder große Sorgen. Ein Problem ist auch die
Pflegegeldeinstufung. Sie hat erhebliche Akzeptanzprobleme. Fast die
Hälfte (49%) der Pflegegeldbezieherinnen und -bezieher fühlen sich
falsch eingestuft, bei den Angehörigen sehen das 56% so. „Die
Pflegegeldbegutachtung ist uns schon länger ein Dorn im Auge, sie
gehört dringend überarbeitet“, fordert Hilfswerk-Geschäftsführerin
Anselm. „Immerhin mündet die Hälfte der Beeinspruchungen in eine
Stattgebung oder in einen Vergleich“, so Anselm.
Quälende Bürokratie legt die Kräfte von Betroffenen und
Angehörigen lahm
Ein klarer Handlungsauftrag ergeht an die Politik auch in Sachen
Bürokratie. 82% der Befragten gibt an, dass es einen Abbau von
Bürokratie und bessere Beratung brauche. Damit liegt dieser Wunsch
unter den Top Drei der geforderten Maßnahmen zur Verbesserung der
Situation für die Pflege und Betreuung zu Hause. „ Es hat uns
überrascht, dass das Thema Bürokratie so weit vorne liegt. Dass es
die Betroffenen und Angehörigen belastet, war uns aber klar. Das
sehen wir jeden Tag “, erzählt Hilfswerk-Geschäftsführerin Anselm. Im
Durchschnitt hätten pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige
laut Hilfswerk (laufend) mit etwa 8 bis 10 unterschiedlichen Behörden
und Dienstleistern zu tun, von den Pensions- und Gesundheitskassen
über Stellen der Länder und des Bundes bis hin zu Ärzten und
Bandagisten. „Es wird nicht konsequent gebündelt, es wird oft nicht
ausreichend kooperiert, es wird zu wenig operativ abgenommen“,
kritisiert Anselm. Die Angebote zur Beratung seien in den Regionen
höchst unterschiedlich. „ Kein Wunder, dass manche Angehörige
irgendwann zermürbt das Handtuch werfen “, meint Anselm.
Pflegeorganisationen übernehmen so viel organisatorische
Unterstützung wie möglich, diese Leistungen seien aber oft nicht
hinreichend in den Leistungs- und Finanzierungskatalogen der Länder
abgebildet.
Nach der Pflegereform ist vor der Pflegereform
„Angesichts der aktuellen Herausforderungen ist es derzeit
politisch viel zu ruhig um die Pflege“, bedauert Hilfswerk-Präsident
Karas. „Nach der Pflegereform der letzten Legislaturperiode, deren
Herzstück eine Ausbildungsoffensive war, geht es nun um eine
effektive, bedarfsgerechte und zukunftsfähige Versorgungslandschaft“,
sagt Karas. „ Würdiges Altern in Österreich darf weder am Geld noch
an überbordender Bürokratie noch an mangelnder Selbstbestimmung
scheitern. Bund, Länder und Gemeinden müssen sich endlich auf einen
verbindlichen Prozess einlassen, um abgestimmte und nachhaltige
Versorgungsstrategien zu entwickeln. Wann tagt beispielsweise die
Pflegeentwicklungskommission wieder? Wann gibt es beispielsweise eine
parlamentarische Enquete zum Thema Pflege und Betreuung zu Hause ?“,
fragt der Hilfswerk-Präsident und schließt mit einer Aufforderung:
„Lassen Sie uns endlich anfangen! Und zwar so rasch als möglich! Und
lassen Sie uns mehr auf die Menschen hören. Sie geben klare
Antworten. Wenn wir sie fragen …“
Über das Hilfswerk Österreich
Das Hilfswerk Österreich ist mit seinen Landes- und Teilverbänden
einer der größten gemeinnützigen Anbieter gesundheitlicher, sozialer
und familiärer Dienste in Österreich. Als Arbeitgeber von rund 7.000
Pflegefachkräften und Betreuungskräften pflegt und betreut das
Hilfswerk laufend mehr als 31.000 ältere und chronisch kranke
Menschen. Damit ist das Hilfswerk in Österreich die Nr. 1 in der
Pflege zu Hause. Zudem ist das Hilfswerk als Träger stationärer
Einrichtungen für zwanzig Seniorenpensionen/-heime, 21 geriatrische
Tages(struktur)zentren sowie 82 Einrichtungen des Betreuten Wohnens
zuständig.
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