Wien (OTS) – Im Großteil der 38 OECD-Länder stieg der Anteil der
erwachsenen
Bevölkerung mit Adipositas zwischen 2003 und 2023 laut aktueller WHO-
Definition im Durchschnitt von 13 auf 19 %. Adipositas betrifft damit
einen wachsenden Anteil der Bevölkerung, was Gesundheitssysteme vor
große Herausforderungen stellt. Nun verdeutlichen neue
wissenschaftliche Ansätze, dass pauschale Diagnosen auf Basis des
Körpergewichts und daraus abgeleitete Therapieansätze wenig Erfolg
versprechen. Vielmehr bedarf es einer differenzierten Betrachtung der
individuellen gesundheitlichen Situation. ernährung heute , das
Magazin des forum. ernährung heute (f.eh), beleuchtet in der Ausgabe
01/2026 die vielfältigen Ursachen, Folgen und aktuelle Lösungsansätze
gegen die steigende Prävalenz. „Um adäquate Lösungen zu finden,
müssen die komplexen biopsychosozialen Zusammenhänge anerkannt
werden. Nachhaltige Lösungen entstehen durch das Zusammenspiel von
Wissen und Kompetenzen, evidenzbasierter Prävention, optimalen
strukturellen Voraussetzungen, individueller Unterstützung und
gesundheitsförderlichen Rahmenbedingungen“, so Marlies Gruber,
Geschäftsführerin des f.eh.
Im Programm der österreichischen Bundesregierung 2025–2029 ist
gesundheitliche Prävention als ein zentraler Schwerpunkt verankert
und mit Maßnahmen hinterlegt. Gerade beim Thema Adipositas ist es von
hoher gesundheitspolitischer und volkswirtschaftlicher Relevanz,
diese Vorhaben umzusetzen, um die Prävalenz zu senken. In OECD-
Ländern entfallen nämlich durchschnittlich rund 8,4 % der
Gesundheitsausgaben auf die Behandlung Adipositas-bedingter
Erkrankungen. Für Österreich werden jährliche Kosten von über 2,4
Milliarden Euro geschätzt.
Wie eine Trendwende gelingen kann, wird aktuell mitunter sehr
emotional diskutiert. Es vollzieht sich aber ein grundlegender
Wandel: Lange Zeit galt der einfach anwendbare Body-Mass-Index (BMI)
als zentrales Instrument zur Einordnung von Übergewicht und
Adipositas. Nun wird aber zunehmend deutlich, dass er die
individuelle gesundheitliche Situation nur unzureichend abbildet, da
Körperzusammensetzung, Fettverteilung oder Organfunktion nicht
berücksichtigt werden. Moderne Ansätze beziehen daher zusätzliche
Parameter wie Taillenumfang oder direkte Messungen der
Körperzusammensetzung ein.
Differenzierte Diagnose für differenzierte Therapie
Auch die funktionale Betrachtung rückt in den Vordergrund.
Internationale Fachgremien unterscheiden zwischen präklinischer und
klinischer Adipositas. Während erstere einen erhöhten
Körperfettanteil ohne gesundheitliche Einschränkungen beschreibt,
liegt bei klinischer Adipositas eine Erkrankung mit funktionellen
oder metabolischen Beeinträchtigungen vor. Diese Differenzierung hat
weitreichende Konsequenzen. Sie verdeutlicht, dass nicht jede Person
mit erhöhtem Körpergewicht automatisch behandlungsbedürftig ist,
während umgekehrt auch bei unauffälligem BMI gesundheitliche Risiken
bestehen können. Damit verschiebt sich der Fokus von einer rein
gewichtsbasierten Bewertung hin zu einer ganzheitlichen Einschätzung
der Gesundheit, wie die Präsidentin der Österreichischen
Adipositasgesellschaft, Dr. Bianca-Karla Itariu, im Interview mit
ernährung heute betont.
Mit der präziseren Einordnung geht auch ein veränderter Zugang
zur Therapie einher. Maßnahmen orientieren sich zunehmend am
individuellen Krankheitsbild und dessen Ausprägung. Liegen keine
Beschwerden oder funktionellen Einschränkungen vor, stehen präventive
Ansätze im Vordergrund. Dazu zählen ausgewogene Ernährung,
regelmäßige Bewegung sowie ein bewusster Umgang mit Schlaf und
Stress. Anders stellt sich die Situation bei klinischer Adipositas
dar: Hier reichen allgemeine Lebensstilmaßnahmen häufig nicht aus.
Vielmehr sind multimodale Therapieansätze erforderlich, die je nach
Bedarf medikamentöse oder chirurgische Optionen einschließen. Der
Lebensstil bleibt dabei eine zentrale Basis, ist jedoch nicht als
alleinige Lösung zu verstehen.
Prävention: Maßnahmen im Zusammenspiel
Parallel zur Weiterentwicklung der Diagnostik wird auch die
Wirksamkeit präventiver Maßnahmen differenzierter betrachtet. Demnach
ist ein Zusammenspiel verschiedener Ansätze notwendig, die sowohl
individuelles Verhalten als auch strukturelle Rahmenbedingungen
adressieren. Verhältnisprävention setzt bei den Lebensbedingungen an
und schafft gesundheitsförderliche Umgebungen etwa durch ausgewogene
Verpflegungsangebote, während Verhaltensprävention beim Individuum
ansetzt und Wissen, Kompetenzen und Routinen im Alltag stärkt.
Besonders wirksam sind Maßnahmen mit hoher Reichweite, die ohne
aktives Zutun greifen, wie die Anpassung von Portionsgrößen oder die
schrittweise Reformulierung von Lebensmitteln. Demgegenüber zeigen
Maßnahmen wie Steuern oder Nährwertkennzeichnungen zwar punktuelle
Effekte, bleiben jedoch in ihrer Gesamtwirkung begrenzt. Auch der
Einfluss von Werbebeschränkungen ist bislang nicht eindeutig belegt.
Eine zentrale Rolle kommt zudem dem sozialen Umfeld zu. Familie,
Bildungseinrichtungen und Alltagsstrukturen prägen Essverhalten,
Bewegungsgewohnheiten und Gesundheitskompetenz von Beginn an. Früh
ansetzende Ernährungsbildung und regelmäßige Bewegung können
langfristig zur Etablierung eines gesunden Lebensstils beitragen.
Weitere Themen im Heft
Mit der aktuellen Ausgabe starten zudem zwei Serien: In der
Rubrik „Lebensmitteltechnologie“ widmet sich Univ.-Prof. Henry Jäger
von der BOKU University verschiedenen Verarbeitungsschritten der
industriellen Herstellung. Er erklärt, wie Produkte entstehen und was
nötig ist, damit sie lange haltbar und für unseren Alltag und das
Einkaufsverhalten kompatibel sind. Zum Auftakt geht es um
Pasteurisation und Sterilisation. In der Serie zu Warenkunde und
Sensorik stehen heuer Getränke im Mittelpunkt. Dr. Eva Derndorfer
erzählt deren Geschichten über Kultur, Handwerk, Innovation und
Geschmack. Den Beginn macht Kombucha. Neu im Heft ist auch eine
ernährungspolitische Kolumne von Dr. Michael Blass, der mit
jahrzehntelanger Branchenerfahrung und aus lebensmittelrechtlicher
Perspektive aktuelle Entwicklungen kommentiert.