Wintertagung des Ökosozialen Forums: Der wahre Preis billiger Lebensmittel

Wien (OTS) – Unter dem provokanten Titel „Schnäppchenjagd im
Feinkostladen – der
wahre Preis billiger Landwirtschaft“ widmete sich der Eröffnungstag
der Wintertagung am 20. Jänner in Wien den zentralen
Herausforderungen rund um Agrarpolitik, Lebensmittelpreise und
Versorgungssicherheit. Hochkarätige Vertreter:innen aus Politik,
Wissenschaft, Handel und landwirtschaftlicher Praxis diskutierten,
wie faire Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette,
nachhaltige Produktion und soziale Verantwortung in Einklang gebracht
werden können.

Zwtl.: Agrarpolitik zwischen Weltmarkt und Inflation

Im ersten Block zur künftigen Agrarpolitik stellte Stephan
Pernkopf, Präsident des Ökosozialen Forums, klar: „Die Bäuerinnen und
Bauern sind nicht schuld an der Inflation.“ Nur rund zehn Prozent der
Haushaltsausgaben der Österreicher:innen entfallen auf Lebensmittel –
davon landen im Schnitt lediglich 40 Cent bei den Landwirt:innen.

Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für
Wirtschaftsforschung (WIFO), pflichtete Pernkopf bei. Zwar habe die
Landwirtschaft einen Anteil an der Inflation, die eigentlichen
Preistreiber seien jedoch Energie und Dienstleistungen. Die
Landwirtschaft sei in den vergangenen Jahren sogar ein
stabilisierender Faktor für die Konjunktur gewesen. Auch wenn die
Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel vollständig an Konsument:innen
weitergegeben werde, wie dies in Deutschland der Fall war, dürfe der
Effekt auf die Gesamtinflation nicht überschätzt werden.

Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber unterstrich die
Bedeutung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und forderte ein
eigenständiges, starkes Agrarbudget auf EU-Ebene. Ländliche Räume
seien essenziell – nicht nur für die Lebensmittelproduktion, sondern
auch für erneuerbare Energien und Lebensqualität. Gleichzeitig
brauche Europa mehr Mut zum fairen Freihandel, um seine
Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter zu verlieren. Deshalb unterstütze
sie das EU-MERCOSUR-Handelsabkommen.

Im Unterschied dazu bekräftigte Landwirtschaftsminister Norbert
Totschnig seine ablehnende Haltung zum Freihandelsabkommen und
verwies auf die Zugeständnisse, die aufgrund der Kritik in den
Vertrag aufgenommen wurden. Totschnig hob zudem die Notwendigkeit
einer europaweiten Herkunftskennzeichnung sowie mehr Fairness und
Transparenz im Binnenmarkt hervor. Der ökosoziale Ansatz sei „zeitlos
und richtig“: Klimaschutz, Biodiversität und Produktion müssten
gemeinsam gedacht werden – nicht Produktionsverzicht, sondern
klimafreundliche Produktion sei das Ziel.

Zwtl.: Steigende Preise – eine Frage der Wahrnehmung und Verteilung

Im zweiten Block ließ Christoph Teller, Professor an der JKU
Linz, mit der Forderung „Erhöht die Lebensmittelpreise!“ aufhorchen.
In Krisenzeiten greifen Konsument:innen verstärkt auf den Preis als
„Qualitätsindikator“ zurück. Zwei Drittel achten vor allem auf
Aktionen, rund 40 Prozent der Einkäufe in Österreich erfolgen mit
Rabatt. Gleichzeitig relativierte Teller: Lebensmittel machen in
Österreich rund zehn Prozent der Konsumausgaben aus – fast gleich
viel wie die Ausgaben für Freizeit.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Staatssekretärin
Ulrike Königsberger-Ludwig, Wettbewerbsbehörden-Chefin Natalie
Harsdorf, BILLA-CEO Erich Szuchy und LKÖ-Präsident Josef Moosbrugger
wurde die komplexe Gemengelage deutlich: Energiepreise als
Ausgangspunkt der Inflation, steigende Löhne und eine ausgeprägte
Rabattkultur prägen den Markt. Szuchy bekannte sich klar zur
Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um faire
Preise und Transparenz sicherzustellen.

Landwirtschaft als Schlüssel zur Krisenresilienz

Peter Vorhofer, Krisensicherheitsberater der Bundesregierung,
ordnete die Rolle der Land- und Forstwirtschaft in einem globalen
Krisenkontext ein. Zwar gebe es aktuell keine nationale Krise, doch
könne sich Österreich globalen Entwicklungen nicht entziehen.
Landwirtschaft sei weit mehr als Lebensmittelproduktion: Sie sei eine
Resilienzstruktur für die gesamte Gesellschaft – von
Landschaftspflege über Katastrophenschutz bis hin zur Sicherung der
Grundversorgung.

In der abschließenden Diskussion mit Irene Neumann-Hartberger (
Bundesbäuerin), Daniela Morgenbesser (FEM-Agrar Netzwerk) und Claudia
Süssenbacher (Raiffeisen Holding NÖ-Wien) stand die Frage im
Mittelpunkt, wie Landwirtschaft künftig Stabilität gewährleisten
kann. Das Podium betonte die Bedeutung vielfältiger
Versorgungssicherheit und die Notwendigkeit, Abhängigkeiten –
regulatorische wie wirtschaftliche – zu reduzieren. Landwirtschaft
müsse wirtschaftlich tragfähig bleiben, regionale Abnehmerstrukturen
gestärkt und das Konsumverhalten stärker auf Regionalität
ausgerichtet werden. Fazit: „Ohne Lebensmittel ist alles nichts.“
Ernährungssicherheit müsse als Wert verstanden werden, für den die
Gesellschaft auch bereit sein müsse, Verantwortung zu übernehmen.
Resilienz beginne mit Bewusstsein und Vorsorge.

Zwtl.: 73. Wintertagung

Die Wintertagung des Ökosozialen Forums ist Österreichs größte
Informations- und Diskussionsplattform der Agrarbranche. Mit der
Fachtagung beginnt traditionell das agrarpolitische Jahr. Die
Wintertagung wird seit 1954 vom Ökosozialen Forum ausgerichtet und
setzt wichtige Impulse für die künftigen Entwicklungen im
österreichischen Agrarsektor. Geboten werden geballtes Wissen auf dem
aktuellen Stand der Wissenschaft sowie Tipps für die
landwirtschaftliche Praxis.

In ihrer 73. Auflage bietet die Veranstaltungsreihe eine
Plattform für sachliche, faktenbasierte Diskussionen über die Zukunft
der Versorgungssicherheit in Europa. Detaillierte Informationen zur
Wintertagung 2026 und zum Kartenverkauf finden sich unter
www.wintertagung.at

Zwtl.: Branchen-Fachtage der Wintertagung in den Bundesländern

Im Rahmen der Wintertagung 2026 wird die agrarpolitische Debatte
auf Branchenebene fortgesetzt. Die Fachtage finden in Oberösterreich,
Salzburg, Wien, der Steiermark und Niederösterreich statt und bieten
zudem praxisrelevante Informationen für Bäuerinnen und Bauern.

21.01.2026: Fachtag Schweinehaltung , HLBLA St. Florian, Fernbach
37, 4490 St. Florian, Oberösterreich

22.01.2026: Fachtag Fischereiwirtschaft , Heffterhof, Maria-
Cebotari-Straße 1–7, 5020 Salzburg

26.01.2026: Fachtag Gemüse-, Obst- und Gartenbau , HBLFA
Schönbrunn, Grünbergstraße 24, 1130 Wien

27.01.2026: Fachtag Waldwirtschaft , HBLA Bruck/Mur, Dr.-Theodor-
Körner-Straße 44, 8600 Bruck an der Mur, Steiermark

28.01.2026: Fachtag Ackerbau , HBLFA Francisco Josephinum,
Weinzierl 1, 3250 Wieselburg, Niederösterreich

29.01.2026: Fachtag Grünland- und Viehwirtschaft , HBLFA Raumberg
-Gumpenstein, Raumberg 38, 8952 Irdning-Donnersbachtal, Steiermark